1. Kapitel

 

Das erste, was Tanja Braun auffiel, als sie das Einfamilienhaus betrat, war die laute Musik. Erst dann nahm die junge Kommissarin alle anderen Eindrücke in sie auf: Porzellanscherben, die von einer hinuntergefallenen Vase stammten, Wasser, das sich durch diese Scherben schlängelte, zertrampelte Blumen, die in der Vase gewesen sein mussten. Langsam ging sie durch den Flur in das Wohnzimmer. Dort sah es kaum besser aus. Einige Möbelstücke waren umgeworfen. Bücher von den Regalen gerissen und zu Boden geworfen worden und dann war da noch der metallische Geruch von Blut, der das alles zu dominieren schien. Sie starrte auf die nackte Leiche eines Mannes, der an einen Stuhl gefesselt war. Ihm war die Kehle durchgeschnitten worden und ein blutiges Messer lag in der Nähe auf dem Boden. Tanja schluckte.

„Die erste Leiche?“ Eine nicht unfreundliche Stimme riss sie aus der Betrachtung des Mannes. Erschrocken drehte sie sich um. Der Arzt, der nun näher trat, reichte ihr die Hand, bevor er Handschuhe überstreifte. Die junge Frau nickte.

„Ja! Ich bin Tanja Braun und seit genau dreieinhalb Minuten Mitglied der Mordkommission.“

„Und dann direkt solch ein unschöner Anblick. Tut mir echt leid!“

„Ich wollte doch unbedingt zur Mordkommission, also ist es schon okay. Was ist denn das für ein Lied?“

„Brunner und Brunner, Das Lied heißt: Die Blumen blühen nicht mehr. Es geht darin um Kindesmissbrauch. Eigentlich um Kinderprostitution.“ Ein Mann, der fast doppelt so alt war, wie die gerade erst sechsundzwanzig jährige trat auf sie zu.

„Hallo Tanja, es tut mir leid, dass ich dich an deinem ersten Tag direkt zu einem Tatort gerufen habe, doch es ging leider nicht anders.“

„Ich wollte es doch nicht anders. Meinst du wirklich, dass das hier etwas mit Kindesmissbrauch zu tun hat? Wer war denn das Opfer?“

„Lukas Kröger. Er war siebenunddreißig Jahre alt und Anwalt. Seine Schwester hat ihn gefunden.“ Er wies auf eine junge Frau, die an dem Panoramafenster saß, das fast die gesamte Wand, der Tür gegenüber, in Anspruch nahm. Tanja ging auf sie zu.

„Guten Morgen! Mein Name ist Tanja Braun. Ich würde Ihnen gerne ein paar Fragen stellen, wenn Sie sich dazu in der Lage fühlen.“ Die Frau nickte. Sie war blass und hatte dunkle Schatten unter den Augen, so dass ihre Haut fast grau wirkte.

„Maike Kröger. Lukas ist, war mein großer Bruder. Er war zwölf Jahre älter als ich. Aber könnten wir bitte von hier weggehen? Ich fühle mich nicht sehr wohl, über Lukas zu sprechen, während seine Leiche dort liegt.“ Jan Hoppe, der Kommissariatsleiter nickte.

„Wir können ins Präsidium fahren, wenn es Ihnen lieber ist.“

„Ja bitte! Dürfte ich aber mit meinem eigenen Wagen fahren?“

„Wenn Sie sich dazu in der Lage fühlen, natürlich. Tanja, bist du mit deinem eigenen Wagen hier, oder willst du mit mir mitfahren?“

„Ich fahre mit dir mit!“ Sie gingen hinter Maike Kröger her, die in einen grünen Passat stieg, der auf der anderen Straßenseite geparkt war. Dahinter stand ein verbeulter VW-Bus, der aussah, als wäre er älter, als die Kommissarin. Und genau zu diesem Wagen ging Hoppe.

„Na komm! Das ist mein Wagen. Ich bin nicht dazu gekommen, mir einen Wagen aus dem Fuhrpark zu holen. Aber du brauchst keine Angst zu haben, der fällt schon nicht auseinander.“ Seine neue Kollegin warf einen letzten skeptischen Blick auf das Fahrzeug, stieg jedoch kommentarlos ein.

 

„Erzählst du mir mal bitte die Fakten des Falles?“ Tanja betrachtete ihren neuen Chef, der ihr bereits am Tag zuvor, als sie sich bei ihm vorgestellt hatte, das 'du' angeboten hatte, von der Seite.

„Das würde ich ja tun, doch ich habe dir bereits alles gesagt, was ich weiß. Kröger ist seit fast fünf Stunden tot. Meinte jedenfalls unser Gerichtsmediziner, Doktor Hansson. Und der irrt sich selten. Genaueres kann er jedoch erst nach der Obduktion sagen. Und die Todesursache war ja relativ offensichtlich.“

„Aber was sollen wir von der ganzen Sache halten? Die Musik, dass Kröger sich hat fesseln lassen, auf den ersten Blick wies er keine Abwehrverletzungen auf, was bedeuten würde, dass es um ein einvernehmliches Fesseln ging. Doch da sprechen die Kampfspuren doch gegen.“

„Bestimmt kann uns die Spurensicherung mehr sagen, sobald sie mit dem Haus fertig sind. Oder seine Schwester weiß mehr.“

„Sie wirkt sehr gefasst.“

„Das ist vielleicht der Schock. Und dann muss ich mich wohl für den Einstieg entschuldigen. Normalerweise bin ich dagegen Frischlinge direkt am ersten Tag zu einem Tatort zu rufen. Aber wir sind derzeit so unterbesetzt. Wir sind derzeit nur fünfzehn Leute für zwölf Fälle. Gleich lernst du auch das Team kennen, was ich für diesen Fall zusammengestellt habe. Dieses Team besteht aus vier Personen. Nein, fünf mit dir.“

„Es ist schon okay, dass ich heute schon an einen Tatort musste. Das musste doch früher oder später sein, da ich mir diese Arbeit ausgesucht habe. Ich wollte doch unbedingt zur Mordkommission. Und Lukas Kröger war halt meine erste Leiche. Das wird bestimmt noch mit der Zeit. Dich scheint es nicht zu belasten.“

„Ich bin ja auch schon seit zwanzig Jahren bei der Mordkommission. Davor war ich drei Jahre bei der Sitte. Das fand ich manchmal schlimmer, als mir die ganzen Leichen anzusehen.“

„Ich weiß. Ich habe es ja auch nur ein halbes Jahr bei der Sitte ausgehalten. Besonders die missbrauchten Kinder gingen mir zu sehr an die Nieren. Oft hatte ich sogar Albträume.“

„Die Mordkommission ist da in vieler Hinsicht besser. Normalerweise haben wir es eher selten mit missbrauchten Kindern zu tun. Es sei denn, dass Kinder durch diesen Missbrauch zu Tode kommen. Das kommt ja leider zurzeit immer häufiger vor. Die Menschen sind so brutal geworden. Und einige so ignorant.“

„Was war das eigentlich für ein Lied? Zwar hast du es mir gesagt, doch ich konnte den Text nicht verstehen.“

„Das ist kein Problem, wenn du dir die CD anhören willst, kannst du das nachher in meinem Büro tun. Ich habe sie dort nämlich liegen.“ Mit diesen Worten bog er auf den Parkplatz des Polizeipräsidiums ein.

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